Hackln im Häfn

Gut tausend österreischische Firmen lassen zu Billigstlöhnen im Gefängnis produzieren. Der Staat verdient Millionen daran.

Benedikt steht in Jogginghose und T-Shirt in einem Lagerraum, bis an die Decke sind Bierkisten gestapelt. Seit drei Jahren verrichtet der Mittzwanziger hier die immergleiche Arbeit: Händisch montiert er Bügelverschlüsse auf Bierflaschen. In weniger als vier Sekunden drückt er den Drahtbügel mit zwei Fingern in die Einkerbungen am Flaschenhals. Eine Million solcher Flaschen gehen jährlich durch Benedikts Hände und die seiner Kollegen. Am Ende landen sie als Wieselburger Stammbräu im Supermarkt. Benedikt verdient damit 1,40 Euro in der Stunde und arbeitet in Stein, Österreichs zweitgrößtem Gefängnis.

In einem Altbau am Rande des Wienerwalds schiebt Silvia ihren Aktenwagen von Zimmer zu Zimmer. Die Fünfzigjährige ist für die Verteilung der Post am Bezirksgericht Wien-Döbling zuständig. Wenn sie zu spät zur Arbeit kommt, wählt ihr Chef Patrick Obermoser die Nummer der Justizanstalt Favoriten und fragt: ›Wo bleibt die Freigängerin?‹ Freigänger sind Häftlinge im gelockerten Vollzug, die kurz vor ihrer Entlassung stehen. Noch arbeitet Silvia für einen Stundenlohn nicht höher als zwei Euro.

Hannes kam sich ›wie ein Roboter‹ bei der Arbeit vor. Seine Aufgabe bestand darin, Schnittkanten von Rohren abzuschleifen, die später in Motorräder und Rennsport­autos eingebaut wurden. Auftraggeber: die österreichische Firma Remus, Weltmarktführer bei Sportauspuffanlagen. Der 32-Jährige, der wegen schweren Raubes zu neun Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt wurde, hat nie einen Arbeitsvertrag gesehen.

Benedikt, Silvia und Hannes haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens sind sie drei von gut 8.600 Menschen, die derzeit in Österreich eine Gefängnisstrafe absitzen. Zweitens arbeiten sie für Billiglöhne. Zwischen 1,40 und 1,90 Euro pro Stunde verdienen solche Häftlinge. Ihnen fehlen die Bedingungen, die für Arbeitnehmer in Freiheit selbstverständlich sind: Mindestlohn, Anspruch auf Krankenstand, Pensionsversicherung und eigene Gewerkschaft. Hinter Gittern ist eine Unternehmenswelt mit eigenen Gesetzen gewachsen, deren Arbeitsalltag von der Welt in Freiheit abgeschirmt ist.

Quelle: https://datum.at

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